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14.10.19:29
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Tag 287 - Es lebe das Abdullah Zentrum

Es ist noch gar nicht so lange her, da stellte Sebastian Kurz, damals noch in seiner Rolle als Außenminister, klar: Er wolle nicht am umstrittenen König Abdullah Zentrum in Wien rütteln. Eine Schließung des Zentrums für interreligiösen Dialog würde die Menschenrechtssituation in Saudi-Arabien ebenso wenig verbessern wie ein Abbruch der Beziehungen zu diesem Land, zeigte er sich damals im Menschenrechtsausschuss des Nationalrats überzeugt. Er will demgegenüber auf eine Neuausrichtung und Erweiterung des Zentrums setzen. Der damalige Antrag der Grünen, das Abkommen zur Errichtung des Zentrums zu kündigen, wurde vom Ausschuss vertagt. Eine österreichische Lösung eben. Seit damals hat man nicht mehr viel gehört über jenen Ort, der angeblich den Dialog in den Mittelpunkt stellt. Und natürlich nie und nimmer als Feigenblatt zur Sicherung von Millionengeschäften betrachtet werden darf. Dabei wäre es gerade jetzt interessant, welche Konsequenzen es in Österreich, wo die Menschenrechte bekanntlich (noch) ein hohes Gut sind, geben könnte, in Anbetracht der dramatischen Ereignisse in Saudi Arabien. Der Fall des spurlos verschwundenen saudi-arabischen Journalisten Jamal Khashoggi wäre doch zumindest einen aufklärenden Dialog wert, gerne auch interreligiös. Immerhin wird in Kürze US-Außenminister Mike Pompeo zu einem Treffen mit König Salman reisen. Um in Riad die neue Situation zu erläutern. So meldete der US-Nachrichtensender CNN, die saudische Seite bereite mittlerweile einen Bericht vor, in dem Kashoggis Tod eingeräumt werde. Demnach sei der Autor, der als kritischer Geist des Regimes gegolten hatte, in einem "schief gegangenen Verhör" im Istanbuler Generalkonsulat des Königreichs gestorben. Auch Al Jazeera will in der Zwischenzeit belegen, dass türkische Ermittler bei einer Durchsuchung des Konsulats Beweise gefunden hätten, dass Kashoggi dort getötet worden sei. US-Präsident Trump wiederum hatte zuvor mitgeteilt, er habe mit König Salman telefoniert, der jedes Wissen darüber abstreite. Na dann muss alles wohl ganz anders gewesen sein. Möglicherweise auch deshalb, weil ja andernfalls milliardenschwere Beziehungen auf dem Spiel stünden. Also könnten laut Donald Trump Killer, die auf eigene Faust gehandelt hätten, für das Verschwinden verantwortlich sein. Zumindest interpretiert der Mann im Weißen Haus die Äußerungen des Königs so. Was für eine zweilichtige Angelegenheit. Zumal die Türkei Washington längst mitgeteilt hat, sie besitze Ton- und Videoaufnahmen, die belegten, dass der Kolumnist der Washington Post im Generalkonsulat Saudi Arabiens verhört, gefoltert und getötet worden sei, und zwar laut türkischen Behörden von saudischen Agenten, die am Tag des Verschwindens von Riad nach Istanbul geflogen waren. Es scheint also tatsächlich alles darauf hinzuweisen, dass ein unbequemer Publizist wie in einem Agententhriller aus dem Weg geräumt wurde. Die behördlichen Bemühungen, das Verschwinden zwar zuzugeben, die Verantwortung dafür allerdings nicht im Kreis des Königshauses zu wähnen, sollen dann wohl in die Kategorie Schadensbegrenzung fallen. Ein Versteckspiel im Namen der politischen Beziehungen. Aber in der Zwischenzeit ist Trump, der sich heraushalten wollte, um die lukrativen Waffendeals nicht zu gefährden, durch den wachsenden Druck im Kongress, zum Umdenken gezwungen. Plötzlich droht er mit "schweren Konsequenzen", sollte sich erhärten, dass Khashoggi im Konsulat getötet wurde. Nachdem sich in Folge tagelanger Verhandlungen die Türkei und die Saudis auf eine gemeinsame Durchsuchung des Gebäudes geeinigt hatten. Der Kronprinz hatte dies angeboten, und König Salman telefonierte heute mit Recep Tayyip Erdoğan, um die Krise zwischen den sunnitischen Führungsmächten zu entschärfen. Zuvor jedoch hatte die amtliche Agentur SPA eine scharfe Erklärung verbreitet, in der sie "jede Drohung" zurückwies. Auf jede Aktion folge eine stärkere Aktion, verbunden mit dem Hinweis auf die "einflussreiche und lebenswichtige Rolle in der Weltwirtschaft", die Saudi-Arabien als größter Ölexporteur einnimmt. So schaut's aus in der Welt. Man weiß gar nicht, wohin man sich wenden soll vor lauter Ekel. Wenn die Moral zum Spielball der Macht wird, und wenn so genannte Staatsmänner im Bedarfsfall im wahrsten Sinn des Wortes über Leichen gehen. Es wäre interessant, wie diese Umstände im österreichischen Abdullah Zentrum besprochen werden. Und noch interessanter: Wie einmal mehr das Schweigen und das Wegducken seine Bestätigung als österreichischer Nationalsport erfährt.

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13.10.19:33
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Tag 286 -"Von linksextremen Elementen säubern"

Ich lese das deutschnational ausgerichtete rechte Kampfblatt Zur Zeit, das vom ehemaligen FPÖ-Mandatar und EU-Parlamentarier Andreas Mölzer und dem früheren ORF-Chefredakteur und aktuellen FPÖ-Bezirkspolitiker Walter Seledec herausgegeben wird, seit Jahren nicht mehr. Das ist mein Beitrag zur persönlichen Psychohygiene. Denn ich muss mich in Anbetracht meines Berufs ohnehin mit so viel Mist beschäftigen, dass ich mir zumindest die eine oder andere Ignoranz-Freiheit gönne. Andere Kollegen tun das nicht. Wie zum Beispiel der seit jeher hoch geschätzte Günter Traxler vom Standard. Seit ich denken kann, lese ich nicht nur seine innenpolitischen KOmemntare mit größter Freude, sodnern auch seien Medien-Kulumne namens "Blattsalat". Und genau dort thematisiert der Mann mit der Edelfeder auch regelmäßig die radikale Geisteshaltung, die in Zur Zeit formuliert wird, mitunter auch Texte oder Botschaften, die gerade noch am Verbotsgesetzt vorbeischrammen. In seiner heutien Kolumne hat Traxler unter dem Titel "Patriotismus à la FPÖ" wieder einmal die vielen Ideen des speziellen Mediums gebündelt und der Leserschaft kommentarlos offenbart. Zitat: "Denkanstöße zu einer Regierung der patriotischen Erneuerung fanden sich diese Woche im freiheitlichen Organ Zur Zeit. Im folgenden ein kleiner Auszug." Es folgen nun Forderungen aus der jüngsten Nummer (nur damit wir alle wissen, woran wir tatsächlich sind):
Anzudenken ist eine angemessene Korrektionsmöglichkeit im Wachzimmer: Härteste Strafen für Respektlosigkeit und Widersetzlichkeit.
Zwecks Bürgerschutz ist der Waffenbesitz von Unbescholtenen zu erleichtern.
Arbeitshaus wieder einführen.
Beweislastumkehr bei Berufsverbrechern.
Renitente Schüler sind zur Räson zu bringen: Aberkennung des elterlichen Erziehungsrechts, Wegfall der Familienbeihilfe. Abschiebung in geschlossene Sonder-Schulen.
Abschaffung sogenannter schulfester Stellen, um widerspenstige Lehrer, die sich für "progressiv" halten, allenfalls versetzen zu können.
ORF von linksextremen Elementen säubern; auch von linksextremen Staats-Künstlern und Staats-Moderatoren.
Tendenziell anti-autochthon eingestellte Gruppen gelten als außerhalb des Verfassungsbogens stehend, ihr Stimmverhalten in den Vertretungskörperschaften soll irrelevant sein.
Brotkorb höher hängen: Unbefristete Notstandshilfe abschaffen.
Keinerlei Integrationsmaßnahmen für Asylanten.
Verfassungsmäßige Absicherung der Ehe als ein Mann und Frau vorbehaltenes Rechtsinstitut.
Deutsche Aufschriften bei allen Geschäften.
Die Justiz ist zu verschlanken.
Grundsätzlich nur mehr zweistufiger Instanzenzug, wobei die zweite Instanz bloß die Rechtsfrage prüft.
Auftrag an alle Richter, Urteile volksnah abzufassen.
Wegfall der Kollektivvertragsfähigkeit des ÖGB.
Befreiung der Mitarbeiter von betriebsrätlicher Bevormundung.

Abschließendes Zitat von Traxler: "Ehrenwort, kein Wort erfunden. Für alle, die die FPÖ für eine koalitionsfähige Partei halten, besonders in der SPÖ.
Abschließendes Wort von mir: Lassen wir uns die Ängste, Sorgen und Bedenken nicht ausreden. Sie sind kein Hirngespinst.

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Danke für die Info, auch wenn mir beim Lesen das Gruseln kommt ….
Und ich frage mich: was, um Himmels willen, kommt da noch alles auf
uns zu?? Sie und Ihre Kollegen, die uns all das vermitteln - Sie haben
meine Anerkennung und Bewunderung für diese Arbeit, für die Sie eigent-
lich Schmerzensgeldansprüche geltend machen sollten.
Passen Sie gut auf sich auf!!
Doris Alt 15.10.2018, 22:43

könnte auch so IM STÜRMER gestanden sein
wkl 15.10.2018, 09:10
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12.10.23:03
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Tag 285 - Tor und Genugtuung

Um ehrlich zu sein, ich hätte mir nicht gedacht, dass ich stellvertretend so viel Genugtuung empfinden kann. In diesem Fall handelt es sich um Marko Arnautovic. Ein Fußballer, der seit zehn Jahren für Österreichs Mannschaft spielt und – aus meiner Sicht – einer der herausragendsten Kicker ist, die seit Jahrzehnten das Nationaltrikot tragen. Einer, der sich aufgrund seines Könnens und seines Standings im Team längst zu einer verlässlichen Größe entwickelt hat, der mit enormer Konstanz Spielwitz und Abschlussstärke, aber auch Kampfkraft und Motivationskunst abliefert. Sein einziger Makel war einst, dass er als extravagante Persönlichkeit immer wieder verhaltensauffällig wurde und sich disziplinäre Ausreißer leistete. Ich kann mich allerdings nicht erinnern, wann ich zum letzten Mal von Arnautovic-Eskapaden gehört habe (sein Vaterdasein hat wohl einiges zur Entspannung beigetragen). Und schon gar nicht im Zusammenhang mit der Nationalmannschaft, wo er als Führungsfigur hinsichtlich Wille und Leidenschaft vorbildlicher denn je ans Werk geht. Und genau deshalb hat ihn Teamchef Franco Foda in Abwesenheit von Mittelfeldmotor Baumgartlinger auch vor dem Match gegen Bosnien-Herzegowina zum Kapitän gemacht. Eine Entscheidung, die ganz offensichtlich so manchen Sesselpupsern im Verband nicht gefallen hat. Als Argument führten sie an, die berühmte Schleife würde sich als Bürde negativ auf die Leistung von Arnautovic auswirken. Aber das schien mir allzu konstruiert. Meinen wahren Verdacht will ich an dieser Stelle nicht äußern, aber wir wissen: Der Mann mit den bosnischen Wurzeln galt immer schon als offenherzig und unbequem. Und als er zuletzt nach der 0:1-Niederlage mit seinem Freund Edin Dzeko (in seiner Freizeit wohlgemerkt) zu später Stunde in einer Bar gesehen wurde, schien das ein Anlass zu sein, um den umstrittenen Stürmer auszuhebeln. Aus meiner Sicht ein Affront. Denn Arnautovic ist nicht nur der beste Fußballer und wohl einzige Star dieses Teams, er ist auch eine anerkannte Integrationsfigur auf und außerhalb des Feldes. Und so kommentierte er seinen Ausflug nur so: „Das ist wieder medial zelebriert worden. Als wäre ich irgendwo angetrunken gewesen. Doch das war ich nicht, es war auch nicht 3 Uhr in der Früh. Niemand hat das Recht, über mein Privatleben zu urteilen. Ich mache das auch nicht bei anderen Menschen. Ich will immer alles geben, und ich habe in den letzten Jahren schon so viel für das Nationalteam gemacht. Da geht es um Respekt.“ So ist es. Und nicht anders. Dennoch schienen die Mitglieder des ÖFB-Präsidiums intensiv daran gearbeitet zu haben, Österreichs Nummer 7 als Kapitän zu entmachten. Womit sie jedoch nicht rechneten: Mit der Haltung von Franco Foda. Der erteilte den Begehrlichkeiten nämlich eine klare Absage und stand zu seinem Schützling. Und zu dessen Rolle als Österreichs Kapitän. Und so trug der 29-Jährige auch im zweiten Match zum Nations Cup die Schleife. Die Partie war deshalb leider nicht ansehnlicher, zu sehr lähmte der Druck des Gewinnenmüssens beide Mannschaften. Aber irgendwann fiel dann doch das erlösende 1:0, das Siegestor für Österreich. Und wer schoss es? Na klar, Marko Arnautovic. ER sprintete in den Raum, machte einen Haken nach innen und versenkte die Kugel so, wie es große Spieler eben tun. Und danach geschah, was ich als emotionaler Mensch so gut nachvollziehen kann. Der Torschütze riss sich die Kapitänsschleife vom Arm, hielt sie wie eine Trophäe in die Luft und präsentierte sie voller Stolz, Trotz und Genugtuung der Tribüne, wo die Skeptiker und Intriganten saßen. Es war ein Gefühlsausbruch der besonderen Art. Eines Spielers, der 75 Mal für Österreichs spielte und einmal mehr das Außergewöhnliche verantwortete. Danke dafür. Ich hätte Arnautovic, dem ich diesen persönlichen Erfolg so unfassbar gönnte, in diesen Augenblicken am liebsten umarmt.

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Word!

Hab erst gestern irgendwo einen Leserbrief gelesen, mit der Meinung "er spielt eh gut, aber das mit der Schleife hätte er sich sparen können, den Ziager mit Dzeko sowieso auch und als Kapitän bei der Hymne nicht mitsingen geht schon gar nicht"...

--> Die Antwort liegt bekanntlich auf dem Platz, und die hat er eindrucksvoll gegeben. Bravo Marko!
mex 17.10.2018, 17:27

Wir wissen ja wer in der jetzigen Regierung für Sport zuständig ist und diesem Subjekt sind halt alle Migranten suspekt. Und die Sesselpupser im ÖFB fürchten halt um ihre gut dotierten mit wenig Arbeit verbundenen Plätze.
wkl 15.10.2018, 09:01
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11.10.18:28
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Tag 284 - Perverses Schneeband

Es ist noch nicht lange her, da wanderte ich hoch über dem Südtiroler Reschensee und betrachtete die phantastische Bergwelt am Dreiländereck Österreich/Italien/Schweiz. Vor allem im Herbst offenbart sich die Landschaft bei entsprechender Fernsicht in einer Farbenpracht, dass jedes Staunen zum Superlativ wird. Und dann sehe ich Mitte Oktober plötzlich diese Bilder. Die sagenhaft schönen Tiroler Alpen, die in dieses besondere Herbstlicht getaucht sind, das wir dank des Sonnenhochs erleben dürfen, und vom Gipfel bis ins Tal zieht sich … ein einzelnes Schneeband (hier in einem Tweet gut zu sehen). Was für eine Perversion ist das? Wieviel Ignoranz gegenüber den Gesetzmäßigkeiten der Natur ist notwendig, um sich mit einem solchen Zwang dem Geschäftsleben zu unterwerfen? Tatsache ist: Die Bergbahnen Kitzbühel starten am kommenden Wochenende trotz hoher Temperaturen und beinahe sommerlichen Wetters allen Ernstes in die Skisaison. Wanderidylle hin oder her, wenn der Skifahrer „Schnee her!“ schreit, gehorchen die Tourismusmaximierer und zaubern den Unverdrossenen einen weißen Teppich in die bunten Berge. Und zwar mit dem Schnee aus den im Frühjahr angelegten Depots, die einst als Reservoir für schwierige zeiten des Schneemangels erdacht worden waren. Mittlerweile hingegen wird die Saison eröffnet, einerlei, ob auf diese Weise ein Panorama des Grauens sichtbar wird. Rund 1,6 Kilometer Piste wurde mit einer Schneehöhe von 100 Zentimeter angelegt. Angst, dass der Schnee noch vor Beginn der eigentlichen Wintersaison wegschmilzt, hat man in Kitzbühel nicht. „Wir machen jetzt bereits das vierte Jahr in Folge Mitte Oktober auf und haben gute Erfahrungen gesammelt“, meinte die Sprecherin. Die Lage der beiden Pisten am Hang sei ideal. Aufgrund der bereits tief stehenden Sonne werde der Schnee kaum mehr von der Sonne berührt. Die Pisten seien auf 1.800 Metern Seehöhe angelegt, dort herrschen derzeit rund elf Grad. Aufgrund der großen Schneemenge sei der Eigenkühleffekt so groß, dass kaum Schnee wegschmelze. Ein erstaunliches Selbstverständnis. Zumal es klarerweise von Kritik nur so hagelt. Aber was entgegnet man jenen, die ein entlarvendes Schauspiel zur Diskussion stellen? „Wir wissen, dass das wie in der Pfieke-Saga ist, aber wir reagieren auf die Nachfrage“. Und solange die Gäste es annehmen, werde man weiterhin so früh öffnen. Im Vorjahr beispielsweise habe man am ersten Wochenende (14. und 15. Oktober 2017) rund 2.000 Skifahrer gezählt – aus dem In- und Ausland (allerdings bei einer deutlich winterlicheren Großwetterlage). Vor allem die Skiklubs nähmen das Angebot der Bergbahnen für Trainingszwecke gut an. „Wir lagern den Schnee direkt am Hang, das heißt, es entstehen keine Transportkosten“, versichert die Sprecherin. Der Schnee bestehe zu 80 Prozent aus Kunst- und zu 20 Prozent aus Naturschnee. Der Eigenkühleffekt des Schnees sei so groß, dass man keine Kühlaggregate einsetzen müsse. Und dennoch orten viele Beobachter einen massiven Imageschaden, den die Kitzbüheler Bergbahnen verursachen. Der grüne Tourismussprecher Georg Kaltschmid meint: „Diese Bilder gehen in die ganze Welt. Für Skipisten bei 20 Grad hat niemand Verständnis, weder die Einheimischen, noch Touristen. Kunstschneisen mitten in der Spätsommerlandschaft, so was darf es eigentlich nicht geben“. Gibt es aber. Weil's ein Geschäft ist. Und das heiligt alle Mittel. Ich frage mich allerdings wirklich, welchem Freizeit-Sportler dieses Ambiente Freude bereiten könnte. Ich bin seit immer schon selbst ein leidenschaftlicher Skifahrer, aber ganz ehrlich: Mir fiele es nicht einmal im Traum ein, dieses Angebot zu nutzen. Im Gegenteil, ich käme mir fast sogar schändlich dabei vor. Als Vergewaltiger einer jahreszeitlichen Naturpracht.

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Und wieder einmal danke für die - immer wieder - klare Aussage.

GLG E.
Elena E. 13.10.2018, 14:00
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10.10.17:40
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Tag 283 - Päpstlicher Auftragsmord

Ich sage es einmal so: Es ist nicht nur der Inhalt der jüngsten päpstlichen Gedanken, die mich zu dem Glauben veranlassen, der Papst würde allmählich seine Maske fallen lassen und den klerikalen Hardliner zum Vorschein kommen lassen. Es ist auch der Zeitpunkt, der nicht nur irritierend erscheinen mag, sondern fast schon zynisch. In einer Ära der politischen Ablenkungsmanöver entzieht sich Franziskus einer tiefgehenden Aufarbeitung der Missbrauchsfälle, indem er plötzlich eine Abtreibungsdebatte vom Zahn bricht. Und das auf fast schon bedrückende Art und Weise. Daher noch einmal zur Erinnerung: Der Missbrauchsskandal erschüttert die katholische Kirche und weitet sich immer mehr aus. Im August war der bisher umfassendste Bericht zu sexueller Gewalt in der katholischen Kirche der USA erschienen. Die Dokumentation belegt allein für den Bundesstaat Pennsylvania den Missbrauch an mindestens 1000 Minderjährigen durch rund 300 Priester in den vergangenen 70 Jahren. Dass Stellen im Vatikan darüber informiert gewesen sein sollen, war Gegenstand eines offenen Briefes, den der frühere Apostolische Nuntius in den USA, Carlo Maria Vigano, während der jüngsten Papstreise nach Irland veröffentlicht hatte. Darin warf er sogar Franziskus Mitwisserschaft vor und forderte dessen Rücktritt. In Deutschland beispielsweise wurden nahezu zeitgleich Zahlen zum Ausmaß von sexuellem Missbrauch unter dem Dach der katholischen Kirche bekannt, die einen erschauern lassen. Demnach wurden in den Jahren von 1946 bis 2014 in Deutschland insgesamt 3677 Opfer von mindestens 1670 Priestern und Ordensleuten missbraucht. Die Opfer waren überwiegend männliche Minderjährige, mehr als die Hälfte von ihnen zum Tatzeitpunkt jünger als 14 Jahre. In jedem sechsten Fall soll es zu Vergewaltigung gekommen sein. Drei Viertel der Betroffenen seien mit den Beschuldigten in einer kirchlichen oder seelsorgerischen Beziehung gestanden. Und wie so oft – so lassen Insider durchsickern – handelt es sich hier nur um die Spitze eines Eisberges. Wer jetzt noch glaubt, dass es sich um verirrte geistliche Schafe und nicht um eine systematische Schreckensherrschaft handelt, dem ist echt nicht mehr zu helfen. Daher zog der Papst unter dem immer größer werdenden Druck auch die Reißleine und beordert die Chefs aller nationalen Bischofskonferenzen zu einem Gipfeltreffen in den Vatikan. Der Kirchengipfel wird von 21. bis 24. Februar in Rom stattfinden. Es ist das erste Mal, dass so ein Treffen im Zusammenhang mit Missbrauch stattfindet. Aber damit hat sich Franziskus vorerst durch Vertagung einer Verantwortung entledigt, die es längst wert wäre, Tag für Tag für Tag, Stunde für Stunde für Stunde, Gebet für Gebet für Gebet in aller Konsequenz behandelt zu werden. Statt dessen lässt der Kirchenchef tausendfache Vergewaltigung in den Hintergrund rücken, weil er es für essenzieller erachtet, Abtreibungen zu verteufeln. Es ist beschämend, so komplex und diskursiv das Thema „Recht auf Leben“ in unserer Gesellschaft auch immer sein mag. Aber die Wortwahl von Franziskus lässt bereits erahnen, mit welcher radikalen Härte er bereit ist, jene zu verfolgen, die sich für einen Schwangerschaftsabbruch entscheiden. Eine Härte, die in anderen Fällen um so viel notwendiger und angebrachter wäre. In seiner jüngsten Predigt auf dem Petersplatz befasste sich der Papst zunächst mit dem biblischen Gebot, nicht zu töten. Im Zuge dessen prangerte er die „Abwertung menschlichen Lebens“ durch Kriege, Ausbeutung und Ausgrenzung an. So weit, so nachvollziehbar. Doch dann fügte das mittlerweile 81-jährige Oberhaupt der Katholischen Kirche noch seine Gedanken zum Thema Abtreibung hinzu: „Aber wie kann eine Handlung, die unschuldiges Leben beseitigt, therapeutisch, zivilisiert und menschlich sein?“ Und nicht einmal der mehr als fragwürdige Zugang, eine Abtreibung nicht als selbstbestimmte weibliche Entscheidung, sondern als Akt fern von Zivilisation und Menschlichkeit zu betrachten, schien ihm als Botschaft klar und deutlich genug. Daher fügte er hinzu, eine Schwangerschaft „im Namen des Schutzes anderer Rechte derer Rechte“ abzubrechen sei „wie jemanden zu beseitigen“, wie „die Inanspruchnahme eines Auftragsmörders, um ein Problem zu lösen“. Sagt ein Mann, in dessen Reich … ich muss das jetzt nicht näher ausführen, oder? Ich denke mir tatsächlich immer wieder: Wie würde ich Sünde definieren? Abtreibung kommt mir diesbezüglich allerdings nie in den Sinn. Ich finde zynische, anklagende, verachtende Weltfremde viel dramatischer.

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09.10.22:59
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Tag 282 - Das verstörende Urteil

Ich bin stets ein großer Verteidiger der Judikatur. Wissend, dass der Rechtsstaat und die Auslegung der Gesetze zu den komplexesten Gegenständen unserer Demokratie gehören. Und ich fürchte die Masse, die sich – angefeuert durch sich selbst – möglicherweise mehr denn je mit Vorliebe zum Richter aufschwingt, ohne jedoch die geringsten Kenntnisse über das Wesen der Gerichtsbarkeit zu besitzen. Und dennoch: Es gibt diese Augenblicke, da kann ich Urteile nicht verstehen, will sie nicht verstehen. Statt dessen kann und will ich die vielen Menschen (vor allem Frauen) verstehen, die völlig außer sich sind, und diesem Zorn auch in den sozialen Netzwerken Luft machen. Denn aus meiner Sicht ist der Fall Sigrid Maurer (im übrigen auch nach den sehr schlüssigen Erklärungsversuchen des Anwalts und Medienrechtlers Michael Rami in der ZiB2) ein Akt, der mich fassungslos macht. Und der die laute Frage aufwirft: Darf so etwas in der Republik Österreich wirklich wahr sein? Denn Faktum ist, dass Maurers Versuch, sich gegen widerliche, extrem obszöne sexuelle Belästigung zu wehren, sie am Ende richtig teuer zu stehen kommen könnte. Die frühere Grünen-Abgeordnete hatte bekanntlich abgrundtief übergriffige Nachrichten*, die sie via Facebook-Messenger – heißt, als Privatnachricht – erhalten hatte, auf Facebook und Twitter gepostet und den Besitzer des Biergeschäfts, von dessen Firmenaccount die Nachrichten kamen, als Verfasser beschuldigt. Ein Fehler, wie sich mittlerweile herausstellt. Sie hätte nicht den Geschäftsmann als Täter öffentlich nennen dürfen, sondern nur, dass sie die Nachricht vom Account des Geschäftsmannes bekam. Denn es hätte theoretisch auch jemand anderer Zugang zum Computer haben können. Wiewohl das extrem unwahrscheinlich ist, wie vor allem die nahezu identisch verwendete Orthografie (starker Hang zu Rufzeichen) zu beweisen scheint. Egal. Nun wurde Sigrid Maurer dafür (nicht rechtskräftig) verurteilt. Für die üble Nachrede muss sie nach dem Urteil von Richter Stefan Apostol 3000 Euro an den Staat zahlen. Weitere 4000 Euro für die „erlittene Unbill“ gehen an den Kläger. Dessen weitergehende Ansprüche wegen angeblichen Geschäftsrückgangs wurden auf den Zivilrechtsweg verwiesen. Zudem muss Maurer die Verfahrenskosten tragen. Die massiv belästigte junge Frau zeigte sich nach der Urteilsverkündung „sehr erschüttert“. Und mit ihr unzählige Frauen (und natürlich auch Männer), die vor allem einen Umstand wütend beklagten: Das genau passiert also im Rechtsstaat Österreich, wenn sich eine Frau ohne detailiertes Wissen über juristische Spitzfindigkeiten aktiv zur Wehr setzt. Es kommt zu einer zumindest fragwürdigen Täter-Opfer-Umkehr, und in Anbetracht dieser Entwicklung darf sich niemand mehr darüber wundern, dass Frauen, denen derlei Abscheuliches widerfährt, eben nicht in die Gegenoffensive gehen. Motto: Lieber schweigen und sich mit den sexuellen Übergriffen arrangieren als auch noch für schuldig befunden, einem Hass-Mob ausgeliefert und sogar noch zu Kasse gebeten werden. Und genau das will sich Maurer nicht gefallen lassen. Sie werde nicht klein beigeben, „wir werden in volle Berufung gehen und das Geld dafür aufstellen. Es ist eindeutig, dass er es gewesen sein muss.“ Nur zur Erinnerung: Maurer hatte im Mai Screenshots der Nachrichten gepostet – samt Hinweis auf den Inhaber des Craft-Beer-Geschäftes. Dieser wurde darauf beschimpft, sein Lokal erhielt schlechte Bewertungen, der Mann wurde bedroht. Der 40-Jährige bestritt, der Verfasser zu sein (irgendjemand von seinen Gästen müsse sich an seinem offenbar nicht geschützten Computer zu schaffen gemacht haben), und klagte. Der Richter machte jedenfalls in seiner ausführlichen Urteilsbegründung klar, dass der Tatbestand der üblen Nachrede „massiv“ gegeben war und Maurer ihre Postings auch zugab. Nicht strafbar wäre dies nur dann, wenn die Angeklagte den Wahrheitsbeweis erbracht hätte. Das sei nicht gelungen. Sie wäre also ihrer „journalistischen Sorgfaltspflicht“ (obwohl sie keine Journalistin ist, sich aber in einem sozialen Mediennetzwerk bewegt) nicht nachgekommen, weil sie nicht recherchiert hätte, ob die Obszönitäten tatsächlich vom Account-Besitzer stammen würden. Was für ein Verlangen. Die Belästigte hätte also auch noch ihren Belästiger kontaktieren müssen, um zu klären, ob er es eh ist. Wie wildfremd ist das? Zumal der Richter selbst auch noch – wie zum Hohn – bestätigte, dass auch er selbst dem Bierladenbesitzer so gut wie nichts glaube. Aber: „Wir können nicht klären, wer es war.“ Ein mildernder Umstand war lediglich, dass Maurer aus „achtenswerten Beweggründen“ gehandelt habe. „Was Ihnen angetan wurde, ist nicht strafbar, das steht aber auf einem anderen Blatt.“ Kein Wunder, dass ausgerechnet einen Tag nach Ablauffrist des Frauenvolksbegehrens der Vorwurf laut wurde, der Rechtsstaat lasse Frauen im Stich. Die Notwendigkeit, dass bei negativen Äußerungen der Wahrheitsbeweis angetreten werden muss, sei zu respektieren, doch der Fall zeige auf, dass sich Opfer von Hassnachrichten kaum wehren können. Und genau darauf muss die Politik, muss der Gesetzgeber spätestens jetzt reagieren. So formal korrekt das Urteil auch sein mag, wenn am Ende herauskommt, dass eine übelst erniedrigte Frau ihrem Peiniger auch noch Bußgeld wegen Namensnennung zahlen muss, dann gibt es nicht nur eine verdammte Lücke im System, die mit aller juristischen und menschlichen Entschiedenheit geschlossen werden muss.
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„Hallo. Du bist heute bei mir beim Geschäft vorbei gegangen und hast auf meinen Schwanz geguckt als wolltest du ihn essen.“
"Bitte wenn Du nächstes Mal vorbeikommst darfst ihn ohne Worte in Deinen Mund nehmen und ihm bis zum letzten Tropfen aussaugen, zahle auch drei Euro mehr, wenn Du nix verschwendest !!!"
„Dein fetter Arsch turnt mich ab aber da du prominent bist, ficke ich dich gern in deinen fetten Arsch, damit dir einer abgeht, du kleine dreckige Bitch !!!“

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08.10.23:17
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Tag 281 - Volksbegehren, na und?

Ich finde ja eine gewissenhafte Einordnung überaus wichtig. Daher versuche ich eine solche an dieser Stelle, unabhängig dessen, was ich selbst präferiert habe. Nun, ich habe das Frauen-Volksbegehren ebenso unterschrieben wie jenes von „Don't smoke“. Und ich habe das Volksbegehren „ORF ohne Zwangsgebühren“ nicht unterzeichnet. Die Begründungen liegen alle auf der Hand. Wer meine Texte regelmäßig liest, kennt meine Haltungen. Aber darum soll es jetzt nicht gehen … sondern um die Bewertung der Ergebnisse. Also, das ORF-Begehren erhielt 320.239 Unterstützungen, und das ist natürlich extrem schwach. Lassen Sie sich – speziell von der Kronen Zeitung – bitte nichts anderes einreden. Denn in Wahrheit konnte nicht einmal der hochgradig unseriöse Begriff „Zwangsgebühren“ ausreichend mobilisieren. Aber er passt eben zu jenen, die eine öffentlich-rechtliche Idee zerschlagen und an den demokratischen Grundfesten der Republik rütteln wollen. Einerlei, es hat dankenswerterweise nicht funktioniert. Denn diese Zahl konnte überhaupt nur deshalb erreicht werden, weil das Ansinnen (ganz bewusst) mit den beiden anderen terminlich gekoppelt wurde. Ein ORF-Volksbegehren alleine hätte vermutlich nicht einmal halb so viele Empörte in die Ämter getrieben. Es wäre daher jenseitig, aus diesem Ergebnis einen Auftrag ableiten zu wollen. Das Frauen-Begehren ist mit 481.906 Unterstützungen zwar respektabel, es hätte aber ganz sicher mehr gebraucht, um richtig Druck aufzubauen. Und auch wenn das Argument, dass man ja nicht zwangsläufig mit allen Punkten d'accord sein muss, sondern das Signal als oberste Priorität betrachten sollte, absolute Berechtigung hat, so scheint die inhaltliche Überfrachtung trotzdem der Schwachpunkt gewesen zu sein. Zu viele Menschen haben sich genau von dieser falschen Annahme, nur eine hundertprozentige Zustimmung könnte eine Unterstützung rechtfertigen, leiten lassen. Das ist schade. Denn ich hätte mir mehr Solidarität gewünscht. Das Raucher-Begehren hingegen wurde mit 881.569 Unterstützungen definitiv zu einem Riesenerfolg. Den nur gnadenlose Ignoranten ohne Konsequenz schubladisieren würden. Aber genau das tut Österreichs Bundesregierung mit dem Verweis auf das Koalitionspapier und das Versprechen, ab 900.000 hätte es (im Jahr 2022 wohlgemerkt) eine verbindliche Volksabstimmung gegeben. Eine Farce, das wissen wir. Es ist freilich nicht so, dass ich ein großer Freund von inflationär eingesetzter direkter Demokratie bin. Ganz im Gegenteil, ich fordere von gewählten Politikern Entschlossenheit und Entscheidungskraft ein, statt ein Delegieren an das Befindlichkeitsbürgertum. So, wie ich mir wünsche, dass ein Pilot das Flugzeug durch Turbulenzen navigiert, und nicht die Passagiere über sein Handeln abstimmen lässt. Aber in diesem Fall ist in Anbetracht des geradezu provokanten Schulterzuckens der schwarzblauen Aktivisten aus drei Gründen Zorn angebracht. Denn erstens gab es den Beschluss zum Rauchverbot ja längst als Gesetz, das im Mai 2018 in Kraft treten sollte, es wurde lediglich von ein paar fehlgeleiteten Populisten und Realitätsverweigerern in einem irrwitzigen Tauschhandel wieder revidiert. Was Österreich zu einer internationalen Lachnummer (der "Aschenbecher Europas") gemacht hat. Zweitens sollten wir allen Ernstes darüber diskutieren, ob fast 900.000 Menschen, die sich auf den Amtsweg machten, um ein Anliegen zu formulieren, mit einem Handstreich der Wurschtigkeit weggefegt werden dürfen. Oder ob eine solche Zahl nicht tatsächlich dazu führen müsste, in die nächste Instanz eines Mitspracherechts überzugehen (dass sogar die Millionengrenze mit Sicherheit geknackt worden wäre, hätte sich eine sensible und engagierte SPÖ mit Kampagnen, Initiativen und Mobilisierungen beschäftigt, statt ausschließlich mit sich selbst, sei nur am Rande erwähnt). Und drittens sollten wir nie vergessen, dass zwar schon viele Politiker nach der Wahl so manches aus den Augen verloren, was sie vor der Wahl versprochen hatten, aber: Wer wie die FPÖ ein jahrzehntelanges Herzstück eines Parteiprogramms, nämlich die permanente Forderung nach mehr direkter Demokratie, mit einer solchen Chuzpe über Bord wirft, sollte dann bitte schon von den für blöd verkauften Wählerinnen und Wählern endlich zur Rechenschaft gezogen werden. Der Ruf nach verbindlichen Volksabstimmungen war für Strache und seine Kumpanen nicht einfach nur ein Punkt unter vielen. Nein, es war ein Zetern und Klagen, ein Schreien und Grölen, ein bedingungsloses, alternativloses, kompromissloses Muss. Über nahezu alles sollte abgestimmt werden, ganz nach Schweizer Vorbild. Und 250.000 oder gar nur 150.000 Unterstützungserklärungen sollten genügen, um eine Abstimmung zu erzwingen. Ginge es nach den FPÖ-Populisten, wären diese Ansagen längst in der Verfassung verankert, um dem Volk nach dem Maul zu reden und zu regieren. Aber das war nun einmal in der Zeit der Opposition, als den Scharfmachern jeder Zündsatz gut genug war, um die Regierenden in ihrer Verantwortung vor sich herzutreiben. Über Haftungsschirme wollte Strache abstimmen lassen, in der Frage der Türkei-Mitgliedschaft, über Asylmissbrauch, Eurofighter, und selbstverständlich – am allerwichtigsten – über CETA und TTIP. Was blieb davon? Wären vor ein paar Jahren noch 150.000 Stimmen ausreichend gewesen, sind jetzt plötzlich fast 900.000 Stimmen nicht mehr der Rede wert. Nicht einmal dann, wenn die gesundheitlichen Auswirkungen und die tödlichen Statistiken eine Sprache sprechen, die keine zweite Interpretation zulassen. Aber Faktum ist: Die FPÖ hatte einst gedacht, in dieser Frage eine Mehrheit hinter sich versammeln zu können, und sie ist heute nicht in der Lage, diese dramatische Fehleinschätzung zu korrigieren. Vor lauter Angst, als Unfallerdeppen dazustehen. Und nicht als politische Köpfe, die eben klüger wurden. Also regiert eine fahrlässige Sturheit und Dummheit. Und die ÖVP muss ihren eigenen Gesetzen der Pakttreue folgend (dafür bekamen sie immerhin ihr Ja zu den Freihandelsabkommen) diesen geradezu grotesken Widerstand mittragen und aufrecht erhalten. Es gibt kaum ein besseres Beispiel dafür, mit welcher verlogenen und heuchlerischen Argumentation gegen die eigene Bevölkerung regiert werden kann. Auch daran wird Sebastian Kurz dereinst gemessen werden: An der nachweislich gesundheitsschädlichen Opferung einer eigenen Überzeugung im Namen der Macht. An dieses Scheitern wird der Bundeskanzler immer erinnert werden, dieser demokratiepolitische Tiefpunkt wird am Ende historisch sein.

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07.10.16:17
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Tag 280 - Schwächeerscheinung

Liebe Leserinnen, liebe Leser, es ist das erste Mal in vier Jahren, dass ich kapitulieren musste. Ich hatte keine Kraft mehr, keinen Kopf, keine Reserven. Ich hatte eine Arbeitswoche, die mir auf so außergewöhnliche Weise meine Limits offenbarte, dass ich mich entschlossen habe, genau das hier als Eingeständnis auch zu formulieren. In aller Ehrlichkeit: Ich war als Autor, Konsulent und Bühnenmensch in den vergangenen Tagen so intensiv engagiert, dass ich weder die Zeit noch die Energie fand, um mich meiner Website zu widmen. Ich musste mir erstmals eingestehen: Ich schaffe es nicht. Ich will aber allen jenen Menschen, die mich so leidenschaftlich begleiten, diese Schwäche auch kommunizieren. Ich habe mich jetzt ein Wochenende lang mit viel Schlaf und Müßiggang aus dem Spiel genommen, und ich bitte um Verständnis für diesen völlig ungeplanten Rückzug. Ab morgen haue ich wieder in die Tasten. Danke, und Ihnen allen einen schönen Abend!

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Danke!!!

Wunderbare Reaktionen!
Michael Hufnagl 08.10.2018, 16:25

Die wahre Stärke zeigt sich im Eingeständnis von Schwäche. Ich finde das
bewundernswert und bitte Sie herzlich, sich all die Zeit zu nehmen, die
Sie brauchen. Ein paar Tage Lese- und Diskussionspause werden uns allen
nicht schaden - im Gegenteil. Alles, alles Gute !

Doris Alt 08.10.2018, 10:29

Bitte nehmen Sie für sich den Druck raus! Wir AbonnentInnen geben Ihnen gerne 1 oder 2 weitere Wochen, wenn Sie sie brauchen, um uns dann wieder mit Ihrem Esprit, Ihrer Überzeugungskraft und Ihren extrem intelligenten Perspektiven zu erfreuen! Alles Gute! Jutta Korosec
Jutta Korosec 07.10.2018, 20:24
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30.09.22:27
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Tag 273 - Dumpfe Gegenoffensive

Es ist schon eine spannende Sache, welcher Ton in der jüngsten Causa Kickl angeschlagen wird. Das allein verrät schon, wie ertappt sich die FPÖ-Vasallen fühlen. Und mit welchem sprachlichen Zorn sie zurückschlagen. Es ist so: Der Präsident der Industriellenvereinigung, Georg Kapsch, hat sich angesichts der Diskussion um das E-Mail aus dem Innenressort über den Umgang mit kritischen Medien zu Wort gemeldet und dabei ziemlich scharfe Kritik am österreichischen Innenminister formuliert. Originalzitat: „Ich glaube, Kickl hat wirklich eine Grenze überschritten. Wer die Pressefreiheit irgendwie infrage stellt, rüttelt an den Grundfreiheiten der Demokratie. Ich verstehe das absolut nicht.“ Im gleichen Atemzug lobte er freilich Sebastian Kurz („Ich bin glücklich, dass sich der Bundeskanzler dazu geäußert hat“), um klar zu machen, über welchen Teil der Regierung er explizit den Kopf schüttelt. Und er vertieft: „Wir wissen, dass das in der Vergangenheit immer wieder gemacht wurde, das passiert ja nicht zum ersten Mal. Aber dass er das so offiziell macht, ist neu“. Und er fügte hinzu: „Wir haben jetzt auch noch den Vorsitz der Europäischen Union, da muss man besonders vorsichtig sein. Es gibt immer mehr Staaten, die genau in diese Richtung gehen, und zu diesen Staaten sollten wir uns nicht zählen.“ Immerhin: In seiner öffentlichen Mahnung fehlten Worte wie Jenseitigkeit oder gar Blödheit, aber die mag sich ein genauer Leser dazu denken. Tatsache ist, dass so eine offene Haltung unmöglich an den Kampfmimosen des blauen Koalitionspartners abprallen konnte. Und so meldete sich prompt einer der bedeutendsten Geistesriesen der FPÖ, um die Gegenoffensive einzuleiten. Im medialen Fachjargon nennt sich das „eine Kritik schroff zurückweisen“. Gemeint ist eher: In der Ecke stehen und schimpfen. Und so erklärte der Generalsekretär der Leberwurstpartei Christian Hafenecker in einer Aussendung: „Der Präsident der Industriellenvereinigung soll sich nicht in Sachen einmischen, die seinen Wirkungsradius eigentlich überhaupt nicht tangieren – diese Causa geht Kapsch nämlich einen Schmarren an“. Dabei stellt sich freilich die Frage, wer die Wirkungskreise von politischen Köpfen definiert … einer wie Hafenecker sollte es jedenfalls ganz sicher nicht sein. Denn ist er der Ansicht, dass die Kritik „völlig an den Haaren herbeigezogen“ sei. "Kapsch wäre gut beraten, sich an die Fakten zu halten, sich an diesen zu orientieren und nicht irgendwelche Schauermärchen in die mediale Welt zu setzen. Was genau nicht den Fakten entsprechen würde, blieb der blaue Exekutor klarerweise schuldig. Aber egal, wir kennen die Methodik des Anprangerns um des Anprangerns Willen zur Genüge. In diesem Sinne ortete der gut trainierte Hafenecker, und ein Gähnen macht sich breit, eine „inszenierte Hatz“ gegen den „erfolgreichsten Innenminister der zweiten Republik“. Das ist im übrigen mein liebster FPÖ-Stehsatz. Denn nach zehn Monaten Amtszeit bereits eine Erfolgsära in Relation zu 73 Jahren zuvor anzustellen, ist als Bewertung etwa so stumpfsinnig wie mitleiderregend. Das Finale der Aussendung: „Kapsch sollte sich lieber um seinen eigenen Stall kümmern und sich nicht als selbst ernannter Hüter von Anstand und Moral aufspielen.“ Was der FPÖ-Hüter von Anstand und Moral damit konkret meinte, bleibt ebenso unergründbar. Tatsache ist aber, dass man sich in der FPÖ hinsichtlich Pressefreiheit wieder einmal falsch verstanden und völlig zu Unrecht angegriffen fühlt. Und in diesem Zusammenhang gleich einmal die Meinungsfreiheit für obsolet erklärt. Das Schlimme daran ist: Die Krawallmacher merken selbst gar nicht mehr, in welcher Permanenz sie die Grundwerte der Demokratie mit Füßen treten. Und sollten sie es doch tun, dürfte mit ihnen erst recht kein Staat gemacht werden.

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Spannende Fragen

Was macht die ÖVP nach der nächsten Kickl-Aktion? Reißt der Geduldsfaden? Aber wird Strache jemals seinen Freund opfern? Zieht Sebastian Kurz nach der nächsten Wahl nochmals eine Runde mit den Blauen? Oder wird er erst in seiner dritten Amtszeit in eine neue Konstellation gehen? Ja, Fragen gibt's immer genug .....
Alex 03.10.2018, 07:31
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29.09.20:02
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Tag 272 - Respekt, Herr Kardinal!

Es ist immer wieder erstaunlich, dass ich auch nach so vielen Jahren journalistischer Einschätzungen immer wieder überrascht, um nicht gar zu sagen, eines Besseren belehrt werden kann. Ich weiß nicht, wie lange ich schon die Tatsache kritisiere, dass Österreichs höchster Kirchenvertreter und Botschafter der Nächstenliebe allen Ernstes eine Kolumne in der Kronen Zeitung pflegt. Dass also Christoph Schönborn Seite an Seite mit den boulevardesken Giftmischern unserer Gesellschaft sein persönliches Evangelium verkündet und daran offensichtlich nichts Verwerfliches entdecken kann. Nun aber meldete sich der Kardinal ohne ersichtlichen Anlass plötzlich zu Wort, und zwar, man lese und staune, via Twitter. Dieser Hauch von Modernität ist ja per se schon verblüffend, aber mich in diesem Fall der Inhalt wesentlich mehr in Fassungslosigkeit versetzt. Zumal gerade Christoph Schönborn die Kunst der Diplomatie bis zum letzten ausreizte, wenn es darum ging, den eher eigenwilligen Zugang des Kanzlers zum Katholizismus zu umschleichen. Aber jetzt! Wie aus heiterem Himmel – als wäre es ein göttlicher Auftrag – dankte der Kardinal all jenen gedankt, die sich für Flüchtlinge und deren Integration einsetzen. Betonung: Für Flüchtlinge. Ohne Aber. Mehr noch: Schönborn tat, was sich seit sehr langer Zeit (Obacht SPÖ, nur so als Beispiel) niemand mehr traut, weil der so genannte Mainstream auch große Teile des Humanismus aufgefressen hat. Er lobte tatsächlich die „Willkommenskultur“ in den Pfarren. Und als wäre diese Wortwahl nicht schon Offensive genug, legte er sogar noch eine Bewertung drauf (man hätte fast meinen können, sein Account wäre gehackt worden). Er merkte nämlich kritisch an, dass bei diesem Thema mit Polemisierung Politik gemacht werde. Das ist freilich nichts Neues. Aber sehr wohl etwas Neues aus Schönborns Feder. „Ich danke allen, die sich einsetzen für Flüchtlinge und ihre Integration“, schrieb er. Und, jetzt kommt's: „Wir wissen, dass sich das Klima in unserem Land gewandelt hat. Heute kann man Wahlkampf machen, indem man gegen Flüchtlinge und Immigration polemisiert. Unsere erste Antwort ist die Arbeit an der Basis.“ Ganz ehrlich: Das hätte ich ihm nie zugetraut. Und ich sage ohne jede Ironie: Respekt! „Die Willkommenskultur in unseren Pfarren ist kein zusätzlicher Dienst, sondern Grundhaltung der Jünger Jesu“, betonte er. Und, jetzt kommt's noch einmal: „Ich zitiere Andre Heller: 'Die Weltmuttersprache ist das Mitgefühl.' Das ist Kern der christlichen Botschaft. Bitte lasst eure Kirchen offen. Ich verstehe nicht, wie es eine Gemeinde aushält: der Herr ist da und die Kirchentüren sind zu. Wie geht das? Ich versteh das nicht.“ Beeindruckend, diese Klarheit. Und ich habe mir am Ende nur eine Frage gestellt: Warum tut er das? Die Antwort nach einer persönlichen Recherche. Er hat die Nase voll. Und zwar nicht alleine. Denn ganz offensichtlich wird die Zahl jener Menschen, die den zur Institution gewordenen Verrat an Humanismus und Nächstenliebe nicht mehr hinnehmen und dulden wollen, Tag für Tag größer. Und welches Sprachrohr eignet sich besser zur Verkündung von Irritation und Zorn als der ranghöchste Gesandte des Glaubens. Ich bin sicher, Christoph Schönborn hat nicht nur einem eigenen Instinkt folgend gehandelt. Sondern er hat sich auch mit jenen öffentlich solidarisiert, die mit dieser Politik nichts am Hut haben wollen, aber aus den unterschiedlichsten Motiven nicht die Größe haben, es in aller Entschlossenheit laut zu formulieren. Der Kardinal hat, wenn man es so will, ein Machtwort gesprochen. Nicht unbedingt eines, das die Regierungscombo beeindrucken wird. Aber eines, das sehr wohl ein Signal für viele gläubige Menschen ist, getreu dem Credo: Bewahrt Euch Eure Haltung. Und diese wortgewaltige Erinnerung an die eigene Kraft des Geistes und die Mitmenschlichkeit sollten Sebastian Kurz und seine Boygroup nicht unterschätzen.

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28.09.16:59
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Tag 271 - Warnung vor den Wölfen

Der Standort bestimmt den Standpunkt, heißt es so oft. Und nach einem langen und intensiven Gespräch mit einigen Menschen in der Südtiroler Gemeinde Mals fühlt sich dieser Satz für mich so bestätigt an wie lange nicht mehr. Es gab zuletzt immer wieder Geschichten über die Rückkehr der Wölfe in den mitteleuropäischen Raum, speziell in den Tiroler. Die fast schon ausgestorbene Spezies wurde vor vielen Jahren (wie im übrigen auch die Braunbären) mit speziellen Programmen in die Natur zurückgeholt. Schön für die Tiere, schön auch für uns, die wir als Wesen der Vernichtung in vielen Regionen wieder die Verantwortung für Tierpflege und Artenvielfalt übernommen haben. Der Nachteil: Die Vermehrung der Wölfe schritt so munter voran, dass die Population mittlerweile viel zu groß für die vorhandenen Futterressourcen wurde. Was bedeutet: Die Raubtiere nähern sich mehr und mehr den Menschen und ihren Schafen. Speziell in Südtirol vergeht fast keine Woche, in der Landwirte nicht von wölfischen Überfällen berichten. Und diese Geschichten zu hören, versetzt einen in richtiges Gruseln. Zuletzt fielen zwei Wölfe über eine Schafherde her und ließen sich nicht einmal von Hunden und Männern mit Stöcken von ihrer Tat abbringen. Die Bauern mussten hilflos zusehen, wie ein Schaf nach dem anderen totgebissen wurde, wie also ihre wertvolle teile ihrer Existenz in Fetzen gerissen wird. Die einzige Möglichkeit der Gegenwehr wäre der Abschuss. Der ist aber in Österreich und Italien strengstens verboten. Das Gesetz, das in Brüssel entstanden ist, erlaubt bis dato keine Ausnahmen auf europäischem Boden. Im Unterschied zur Schweiz, wo in solchen Fällen der Verteidigung von Hab und Gut sehr wohl Schusswaffe zum Einsatz gebracht werden dürfen. Unser Südtiroler Gastwirt erzählte uns von völliger Verzweiflung und von unbändigem Zorn jener, die Unmengen investieren müssen, um ihr Vieh zu schützen – oft genug ist auch das vergeblich. Es ist ein erbarmungsloser Kampf geworden, gegen die Wölfe, gegen die Bürokratie. Zuletzt formierten sich zahlreiche Bauer und luden vor den Gemeindeämtern Dutzende ausgeblutete Schafskadaver ab, als eine Art aktionistischen Protest. Nd ein Mann erzählte uns, dass es längst zu Fällen von Selbstjustiz gekommen ist. Heißt: Die zornigen Schafhüter knallen angreifende Wölfe trotz des Verbots ab und vergraben sie im Wald. Heimlich, nur ja keine Meldung. Denn die Angst wächst, Vielfalt und Ästhetik ist schon längst kein schützenswertes Thema mehr. Auch deshalb, weil die Zahl der Wölfe rasant steigt, und die Gefahr, dass bald auch Menschen (vor allem spielende Kleinkinder) zu Opfern werden (wie es bei den Begegnungen mit Bären schon vorkam), an jedem Stammtisch besprochen wird. Mich haben Wölfe immer fasziniert, auch aus soziologischer Sicht. Und ich habe mich über jede Meldung gefreut, die Sichtungen zum Inhalt hatte und die Einzigartigkeit dieses Tieres beschrieb. Aber ich lebe auch in der Großstadt (wiewohl immerhin am Rande des Wienerwalds), und meine Treffen mit Waldbewohnern beschränken sich auf gelegentliche Rendezvous mit scheuen Füchsen und Dachsen. Ein Wolf verirrt sich nie in meine Gegend. Jetzt habe ich erstmals einen Abend lang gehört, was es bedeutet, wenn die Bedrohung immer größer wird und keine Ideen für ein friedvolles Nebeneinander von Mensch und Tier geboren werden. Im Gegenteil. Auch das sind Herausforderungen, die eine Politik meistern muss. Und zwar ohne den Gedanken an neuerliche Ausrottung.

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27.09.18:25
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Tag 270 - Golf & Identität

Es gibt viele Sportereignisse, die mich fesseln und die mir Anlass sind, meine Leidenschaft in Worte zu fassen. Aber kaum ein Event löst in mir ein so außergewöhnliches Bedürfnis zur Erläuterung aus wie der Ryder Cup. Aus zwei ganz wesentlichen Gründen. Es handelt sich bei diesem phänomenalen Duell um einen Teamwettbewerb der Golfer. Alle zwei Jahre treffen einander die 12 besten Spieler der USA und die 12 besten Spieler Europas zum dreitägigen Kräftemessen. Abwechselnd in den USA und Europa. An den ersten beiden Tagen werden insgesamt 16 Paar-Matches absolviert, am Finaltag (Sonntag) kommt es in den 12 Einzeln zum Showdown. Morgen startet in Paris der Ryder Cup 2018, und er soll für die Europäer die große Revanche werden für die Schmach von 2016, als sie in Chaska/Minnesota vernichtend mit 17:11 geschlagen wurden. Das spezielle am Ryder Cup ist: In einer völlig durchkommerzialisierten Welt, in der die besten Sportler mit Millionengagen verwöhnt werden, ist dieses Match der Giganten eine Frage der Ehre. Es wird de facto kein Cent ausgespielt, es geht lediglich um den Ruhm und einen Pokal, der als Objekt allergrößter Begierde zum Garant für emotionales Spektakel für Golfer, Betreuer und Fans wird. Wer es noch nie erlebt hat, nur zu, keine Scheu. Ihc erinnere mich noch so gut an ein Gespräch, das sehr lange zurückliegt. Damals fragte mich mein Vater, der in seinem Leben niemals einen Golfschläger in Händen gehalten hatte, was es denn mit diesem Ryder Cup auf sich hätte. Und ich erklärte ihm in aller Ausführlichkeit die Idee, den Geist und die Regeln. Und ich freute mich, als mich wenige Tage später – vor dem Fernseher sitzend – anrief, um mir zuzurufen, dass er so etwas Spannendes noch nie gesehen hätte. Es hat nicht die geringste Rolle gespielt, das er zu diesem Sport keinen Bezug hatte – er ließ sich einfach vom besonderen Charakter des Matchplays und der einzigartigen Atmosphäre treiben. Wo Ryder Cup drauf steht, ist Faszination drin. Heute vielleicht mehr als je zuvor. Denn es ist originellerweise ausgerechnet der oft belächelte Golfsport, der eine Dynamik entwickeln kann, wie es sie nirgendwo anders gibt. Der etwas schafft, was in unserer Wahrnehmung dramatisch weit weg ist: Eine europäische Identität. Ja, tatsächlich treffen einander bei diesem Ereignis Hunderttausende Menschen aus ganz Europa, um – wie in diesem Fall – fünf Engländer, zwei Spanier, zwei Schweden, einen Nordiren, einen Dänen und einen Italiener zu unterstützen. Zwölf Männer, ein Ziel – dem europäischen Stolz gegen das Imperium von Stars & Stripes zum Sieg zu verhelfen. In Kleidung, die keinen Sponsor zulässt, sondern nur das europäische Blau mit den goldenen Sternen. Der Ryder Cup vermag also tatsächlich jenes Gefühl zu vermitteln, das wir auf politischer Ebene so dringend bräuchten, das Bewusstsein von Einigkeit und Entschlossenheit, von Überzeugung und Wille, von Wertschätzung und Freundschaft. Allein deshalb lohnt sich ab morgen das Zusehen. Es ist ein Miteinander, das so viel Vergangenheit hat. Und das gleichzeitig so viel Zukunft haben müsste, fernab der Pariser Grüns.

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26.09.21:11
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Tag 269 - Wiesn-Wahrheit

Eine der beliebtesten Opferhaltungen der rechten Gesellschaft lautet: „... aber das darf man ja heutzutage nicht mehr sagen.“ Das finde ich besonders bemerkenswert, weil der Satz immer einer Bemerkung folgt, die ohne jede Konsequenzen bleibt. Nahezu alles darf gesagt werden. Und wird auch gesagt. Und dennoch wird permanent geschickt an der Erzählung gearbeitet, dass kritische Wahrheiten nicht zugelassen werden. Und dass der (linke) Mainstream sich zum Meister der Vertuschung unliebsamer Ereignisse aufschwingt. Eine böse Falle ist das. Denn das hat mittlerweile zur Folge, dass die Einschüchterung wirkt, und dass simpelste Fakten nicht mehr entsprechend behandelt werden, aus Angst davor, die den moralischen Pfad der Ausgewogenheit zu verlassen. Ein schönes Beispiel dafür ist das Münchener Oktoberfest. Während in der Zwischenzeit jeder kriminelle Fall eines Ausländers (der womöglich noch ein islamischer Asylwerber ist) vom Boulevard genüsslich zur Stimmungsmache ausgebreitet wird, verschwindet der Strafbestand-Alltag zunehmend in der medialen Bedeutungslosigkeit. Das haben die Skandal-Schreier der rechten Agitatoren durch permanenten Gewissenspenetration geschafft. Und so verkommen jene Widerlichkeiten, die als Ausrutscher in der Brauchtumspflege betrachtet werden, regelmäßig zur Randnotiz. Das Oktoberfest etwa ist erst ein paar Tage alt, aber die ersten sexuellen Übergriffe sind längst geschehen. Allerdings nicht von Afghanen, Irakern oder Syriern, sondern … von Deutschen. So hatte es eine 32-jährige Touristin aus Brasilien nur der Aufmerksamkeit einer Reinigungsfrau in der Ochsenbraterei zu verdanken, dass sie nicht Opfer einer Vergewaltigung wurde. Die Frau war laut Polizei „erheblich alkoholisiert“ aufs WC gegangen, wo sie bei offener Tür in einer Kabine saß. Das fiel der 48-jährigen Mitarbeiterin auf, die informierte den Sicherheitsdienst, weil die Frau nicht mehr allein aufstehen konnte. Als die Reinigungsfrau zurückkam, fand sie die WC-Tür versperrt. Weil ihr das seltsam vorkam, sperrte sie auf und fand einen Mann mit heruntergelassener Hose vor der Touristin stehen. Der Sicherheitsdienst konnte den 26-Jährigen, der im Landkreis lebt und rund 1,5 Promille Alkohol im Blut hatte, festhalten und der Polizei übergeben. Im Fall einer 21-jährigen Studentin aus Finnland, die ein Mitarbeiter der Geländesicherheit am Samstag gegen 23.30 Uhr nicht ansprechbar und mit Unterkühlungen in einem Gebüsch am Rand des Festgeländes fand, geht die Polizei hingegen von Vergewaltigung aus. Der Sicherheitsmann hatte dort zuerst einen 25-jährigen Münchner gesehen, der aus dem Gebüsch kam und sich die Lederhose zuknöpfte. Weil ihr Slip neben der Frau lag, kam ihm das seltsam vor, so dass er die Polizei alarmierte. Die Touristin war mit mehr als zwei Promille so stark alkoholisiert, dass sie keinerlei Angaben zu dem Vorfall machen konnte. Der 25-Jährige wurde vorläufig festgenommen. Jo mei, mag sich da so mancher denken. Die Alternative wäre: Männliche Gewalt an Frauen ist als männliche Gewalt zu ahnden und zu verurteilen. Einerlei, welche Nationalität der Täter hat. Und allein dieses Prinzip endlich auch wieder zur journalistischen Mission zu machen, wäre für den sozialen Frieden so wertvoll wie schon lange nicht mehr.

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Stimmungsmache

Dieser Verantwortung muß sich der Boulevard jetzt und in Zukunft stellen:
daß im Zuge ungleich gewichteter Berichterstattung auf verantwortungslose Weise Stimmung gemacht wird gegen alle, die auch
nur ansatzweise den Eindruck erwecken, keine "echten" Österreicher zu sein. Da der Mensch nun einmal ein emotionales Wesen ist, wird auf diese
Weise die Stimmung breiter Bevölkerungsschichten immer mehr
in eine bestimmte Richtung gelenkt und damit Angst und Unsicherheit
geschürt. Diesen Trend jetzt im Zuge dieser Anweisung (?) aus Kickls Giftküche noch zu verstärken,
ist eine unglaubliche Infamie, und ich kann nur hoffen - wieder einmal - daß sich endlich in der ÖVP einige vernünftige Leute finden - die sollte es doch wohl noch geben - die diesem ganzen Spuk zumindest Einhalt gebieten, wenn sie ihn schon nicht gleich zu beenden in der Lage sind.
Hoffen wird man doch wohl noch dürfen ….?

Doris Alt 03.10.2018, 19:32
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25.09.23:48
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Tag 268 - Und wieder Kickl

Ja, natürlich ist die Aufregung groß, weil ein Mitarbeiter des Innenministeriums in einem Rundmail an die Polizeistellen ohne jede Scham definiert hat, dass bestimmte Zeitungen nicht im gleichen Maß wie andere mit Infos versorgt werden sollen. Ja, natürlich ist die Aufregung groß, weil hier ganz offensichtlich ein gefährliches Verständnis von Pressefreiheit und Demokratiebewusstsein sichtbar wird. Ja, natürlich ist die Aufregung groß, weil der Innenminister wieder einmal von nichts gewusst haben will, weshalb er wegen Kontrollverlusts mindestens so rücktrittsreif ist, als hätte er die Anordnung, pardon, den Vorschlag, selbst formuliert. Ja, natürlich ist die Aufregung groß, weil in diesem Mail auch schriftlich festgehalten wird, dass die Nationalität ausländischer Straftäter durchaus mit Nachdruck den Medien kommuniziert werden soll. Ja, natürlich ist die Aufregung groß, weil im gleichen Schreiben auch gebeten wird, sexuelle Übergriffe im öffentlichen Raum (die mehrheitlich durch Fremde begangen werden) ebenso proaktiv den Zeitungspartnern zu melden, einerlei, ob die große Mehrheit solcher strafbaren Handlungen im privaten Bereich, allerdings von Österreichern, stattfinden. Ja, natürlich ist die Aufregung groß, weil Herbert Kickl zum wiederholten Mal (man hat längst aufgehört, die Einzelfälle zu zählen) in seiner verantwortungsvollen Position durch radikale, destruktive und fragwürdige Vorgehensweise das Ansehen der Republik schädigt, wenn nicht gar schändet. Ja, natürlich ist die Aufregung groß, weil es notwendig ist, dass der Bundeskanzler und der Bundespräsident in New York festhalten müssen, dass derlei Aktionismus nicht akzeptabel sei. Ja, natürlich ist die Aufregung groß, weil sich auch in den bedeutenden Demokratien Europas die großen Medien fragen, was denn da los sei in diesem sonderbaren Österreich. Aber um ganz ehrlich zu sein, mich kotzt diese Aufregung so unendlich an, dass ich es gar nicht mehr in Worte fassen will. Denn ich frage mich wirklich, wozu ich mir seit Wochen, Monaten und Jahren die Finger wund schreibe, warum ich einen warnenden Text nach dem anderen auf dieser Website veröffentliche, warum ich so oft betone, dass ich lieber noch fünf Jahre rotschwarzen Stillstand hätte als auch nur fünf Tage eine Regierung mit FPÖ-Beteiligung. Aber nein, die um sich greifende, alles verzehrende, verschluckende, verdauende Sebastianie hat dafür gesorgt, dass etwas herbeigeschrieben und herbeiphantasiert und herbeiintrigiert wurde, wofür wir jetzt jeden Tag büßen müssen. Sieh' an, der Kickl ist ein Extremist, ein Staatsgefährder, ein untragbarer Minister … wer hätte das gedacht? Dieses ganze Aufheulen, dieses ganze Erwachen, diese ganze plötzliche Erkenntnis, dass mit einer Partei, die seit jeher auf Krawall und Zerstörung ausgerichtet ist, kein Staat zu machen ist, sie ist das ultimative Eingeständnis einer dramatisch falschen Einschätzung. Es gab sie, die Rufer in der Wüste, vereinzelt haben sie sich im vergangenen Jahr gewehrt gegen das Gebrüll, das Land stünde am Abgrund, gegen die Annahme, eine dritte Auflage von Schwarzblau würde niemals den gleichen Mechanismen unterworfen sein wie die erste und zweite unter Wolfgang Schüssel (stimmt, die waren harmloser), gegen die Unterwürfigkeit des Boulevards und der bürgerlichen Veränderungsneurotiker. Aber sie wurden nicht gehört. Statt dessen musste Alexander Van der Bellen das Schlimmste abwenden und so manche Hardliner ausgrenzen, um sich heute den Vorwurf gefallen lassen zu müssen, er hätte noch viel härter durchgreifen sollen. Beispielsweise im Fall von Herbert Kickl. Wie kann so einer Innenminister werden? Eine berechtigte Frage, aber sie muss nicht VdB, sondern dem Wunderkanzler gestellt werden – laut, vorwurfsvoll, böse. Ja sind jetzt alle durchgeknallt? Was haben sich die Apologeten des Umbaus erwartet? Eine konstruktive FPÖ? Eine fortschrittliche FPÖ? Eine offenherzige, abwägende, geläuterte FPÖ? Es ist so erbärmlich, alles so erbärmlich. Herbert Kickl ist seit acht Monaten im Amt und taumelt von einer Unverzeihlichkeit in die nächste, und die gesamte ÖVP duckt sich vor lauter Machtbesoffenheit weg, um nur ja nicht zugeben zu müssen: Wir haben uns geirrt, wieder einmal geirrt, es ist alles ein Wahnsinn. Herbert Kickl wird selbstverständlich nicht zurücktreten. Und alle jene, die nicht sehen wollten, was unübersehbar war, haben sich mitschuldig gemacht. An einer brandgefährlichen Unterwanderung, deren gesamtes Ausmaß erst zu entdecken sein wird, wenn es längst zu spät ist.

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Lieber Walter Klausser,

danke für den Input, ich weiß das zu schätzen. Und Sie haben natürlich recht, dass eine größere Verbreitung fein wäre, aber letztendlich ist die Idee dieser Website eben vor allem mein Kommentarjournalismus, für den sich Menschen entscheiden können (oder eben nicht). Das Problem von Facebook ist außerdem, dass ich jede politische Veröffentlichung auch permanent begleiten und im Auge behalten muss, weil ich ja auch verantwortlich für die Postings auf meiner Seite bin ... und das ist ein abenteuerlicher zeitlicher Aufwand, den ich mir ehrlich gesagt nicht antun kann und will.
Michael Hufnagl 27.09.2018, 12:10

warnende Texte

Sehr geehrter Hr. Hufnagl,
veröffentlichen Sie Ihre Texte auch noch wo anders oder nur hier auf Ihrer Plattform ?
Denn hier lesen ja Ihre Kommentare - ich vermute fast ausschließlich - nur Leute die sowieso Ihrer Meinung sind.
Solche Texte sollten Sie in Facebook stellen dann hätten wir, die Ihre Texte sehr schätzen, die Möglichkeit durch teilen, eine größere Leserschaft zu erreichen.
liebe Grüße
Walter Klausser
wkl 27.09.2018, 09:14
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24.09.18:22
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Tag 267 - Pamela Rendi-Wagner

Ich bin Pamela Rendi-Wagner in den vergangenen zwei Jahren bereits zweimal begegnet, und ich habe mich jeweils kurz mit ihr unterhalten. Aber diese Momente der Nähe haben gereicht, um zu bestätigen, was viele Menschen über sie sagen: Sie ist eine außergewöhnliche Persönlichkeit. Klug, eloquent, schlagfertig, und gleichzeitig feinsinnig, fröhlich und charmant. Ich gestehe aber, dass ich mir immer gedacht habe: Was um Himmels Willen tut diese Frau im Kreis der SPÖ? Wie kann es sein, dass sie den Glauben besitzt, unter Intriganten, Flügelkämpfern und Apparatschiks ihren Platz zu finden? Wieviel Idealismus muss jemand haben, um die Realität einer so entrückten Partei auszublenden? Denn Faktum ist: Christian Kern ist nicht nur an sich selbst, seiner mitunter naiven Vorstellung von Politik, seiner allzu oft nicht stringenten Strategie und seiner Unfähigkeit, Opposition zu leben, gescheitert. Nein, der SPÖ-Chef, der sich vor zwei Jahren als Manager der Krise feiern ließ und einen Eindruck hinterließ, als könnte er nur durch Worte Wasser in Wein verwandeln, ist vor allem wegen seines fehlenden Gespürs für die wahren Freunde und richtigen Berater nie dort angekommen, wo er sich selbst so gern gesehen hätte: Auf einem Thron. Kern war zum Kanzler geboren, zum hemdsärmeligen Widerstandskämpfer hingegen gar nicht. Am Ende verweigerten ihm zahlreiche Parteigenossen mehr oder weniger offenherzig die Gefolgschaft, andere hatten wiederum nur eines im Sinn: Rache. Wer mindestens zwei von drei der mächtigsten roten Männer gegen sich, und genau diesen Umstand allzu lang massiv unterschätzt hat, wer inhaltlich nicht Kurs hält, und wer darauf vertraut, dass fragwürdige Wahlkampfmethoden den Weg ins Kanzleramt ebnen, bleibt am Ende als Verlierer übrig. Schade, sehr schade. Denn ich bin überzeugt, dass nach der Präsentation des Plan A und der damit verbundenen Windkraft alles hätte anders kommen können. Aber sogar das große Finale, die Ankündigung einer Kandidatur bei der EU-Wahl, wurde, es ist so bezeichnend, zum Sinnbild für Verrat und Missgunst, zum Beweis fehlender Solidarität und Kommunikationskraft. So oft wurde über die Message Control des Sebastian Kurz gespottet – hätte Christian Kern nur die Hälfte dieser Marketingsouveränität gehabt, er säße vielleicht heute noch auf dem Kanzlerstuhl. So hingegen wird er möglicherweise zum größten Problem für Rendi-Wagner. Ja, ausgerechnet ihr wichtigster Protegé könnte ihr im Weg stehen. Durch falsch verstandenen Teamspirit. Denn in Wahrheit muss Kern jetzt so rasch wie möglich raus aus dem Klub, raus aus der Chefetage, raus aus dem Fokus. Um nicht jenen langen Schatten zu werfen, der ein Strahlen der neuen Vorsitzenden verhindert. Aber was passiert? Klar, das Gegenteil. Typisch SPÖ. Und wieder ein Kommunikationsgau. Ob Radio, Fernsehen oder Zeitungen, überall erklärte sich an diesem Wochenende wer? Christian Kern. Also jener Mann, der tagelang zum Symbol des Rückzugs und des Eingeständnis des Scheiterns eines gesamten Apparats wurde. Kern hier, Kern da, Kern, so weit die Wahrnehmung reicht. Statt die designierte Retterin, entschlossen lächelnd, gleich einmal durchzureichen und der Partei ein neues, visionäres und mutiges Antlitz zu verpassen. Wem fällt so etwas ein? Statt dessen darf der Wiener Bürgermeister mit Leichenbittermiene im Fernsehen verkünden, dass er lieber jemand anderen, nämlich Doris Bures, an der Spitze gesehen hätte. Michael Ludwig, selbst mit Ach und Weh ins Amt gehievt, startet gleich zu Beginn mit einer Art Misstrauenvorschuss gegen Rendi-Wagner und gewährt der österreichischen Bevölkerung sogar im Moment maximaler Aufbruchstimmung einen Blick in den Abgrund jener Machtversessenheit und Zukunftsversessenheit, vor der Christian Kern schon vor zwei Jahren gewarnt hat. Pamela Rendi-Wagner hat einen steinigen Weg vor sich. Sie muss die Balance zwischen den Gesinnungsneurotikern, Postenfetischisten und Allmachtsphantasten schaffen, muss Ideen und Konzepte entwickeln, Personal tauschen und Bünde schließen, und sie muss als Oppositionspolitikerin das Florett und nicht den Bi-Hander (noch so eine jenseitige Hinterlassenschaft) zum Einsatz bringen, um der SPÖ ein völlig neues Profil zu geben. Und das alles vier Jahre lang. Denn knapp vor einer Wahl fiele nahezu alles viel leichter. Aber gerade deshalb, weil ihr, der von vielen belächelten Frau, diese notwendige entschiedene Härte nicht zugetraut wird, glaube ich, dass sie zu überraschen vermag. Ich glaube, dass jene fehlende Vernetzung und Bindung in Wahrheit ihr größter Trumpf werden kann. Sie kann am Grat zwischen Unvoreingenommenheit und Rücksichtslosigkeit, zwischen Kompromiss und Angriffslust, zwischen Scheißmirnix und Scheißdrauf wandeln und alle Skeptiker eines Besseren belehren. Mein Gefühl sagt mir, dass sie von vielen unterschätzt wird. Und ich glaube, dass ihr Charisma in den Elfeinbeintürmen der modernen Sozialdemokratie genauso Spuren hinterlassen wird wie in den Bierzelten des Landes. Kurz und Strache werden natürlich alles tun, um sie rasch zu diskreditieren, aber ich bin sicher Pamela Rendi-Wagner wird ein neues Feuer entfachen. In der eigenen Partei. Und erst recht im Kampf gegen die rechte Koalition.

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Freund Feind Parteifreund

Wenn man so Parteifreunde hat wie Ludwig @ Co - machtversessene Machos der übelsten Sorte, schmallippig süffissant ("Überforderung") der designierten Vorsitzenden schon jetzt die Befähigung absprechend (wäre so eine Bemerkung über einen Mann vorstellbar????) braucht man keinen Strache und keinen Kurz mehr. Noch ehe Pamela Rendi-Wagner ihre Funktion antreten kann wird schon wieder intensivan ihrer Demontage gearbeitet. Diese Partei ist offenkundig dem Untergang geweiht, da maßgebliche Funktionäre immer noch nicht begriffen haben, dass sie nicht nur um ihre eigenen Posten streiten sondern so die SPÖ ruinieren und das Land den Rechten überlassen. Das Schicksal der sozialistischen Parteien in anderen europäischen Ländern - wie sie sie so gut wie nicht mehr gibt (Frankreich, Italien) ist offensichtlich nicht Warnung genug. Und nach der nächsten Wahl geht alles von vorne los - Asche auf's Haupt, Schuldzuweisungen, aber keine Kraft zur Erneuerung. Vielleicht hilft ja wirklich nur noch eine Neugründung.
heidiinvienna 28.09.2018, 13:53

Ehrlich gesagt .....

.... möchte ich heutzutage kein Politiker sein. Da zeigt eine Frau Verantwortung in einer schwierigen Phase ihrer Partei und dann wird Ihr von männlichen Egos ausgerichtet, dass das für sie wohl nicht schaffbar sein wird (hätte man einem männlichen Bewerber nie mitgeteilt). Somit wird einer Frau, die in Zeiten von Hetz und Narzissmus sicherlich weitaus für Ruhe und Sachlichkeit einsteht, gleich zu Beginn (von "Parteifreunden") das Wasser abgegraben. Zusätzlich kann heutzutage jeder Parteizwerg via Twitter und Facebook seinen Senf absondern und schafft damit den Sprung in die Öffentlichkeit und die Medien. Da weißt du als neuer Spitzenkandidat echt nicht mehr, an wie vielen Fronten du noch agieren sollst (außer du hast einen Lottosechser wie Sebastian Kurz, hinter dem wirklich alle still gehalten haben)? Parteikommunikation war in früheren Jahren sicher leichter koordinierbar als heute. Wie soll man sich denn da ein positives Image aufbauen können, wenn die eigenen Leute schon laufend ihre Ego-Sticheleien platzieren? (an die kommenden geistigen Tiefschläge der politischen Mitbewerber einer Frau gegenüber mag man noch gar nicht denken). Hut ab vor jemandem, der sich dieser Herausforderung selbstbewusst stellt und den Glauben an Konstruktivität noch nicht verloren hat.
Alex 28.09.2018, 07:40
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